Die letzten Meter

Sarria

Die ersten Pilger waren sehr früh wach, denn die Luft im Raum war knapp. Auch wir packten unsere Rucksäcke und gingen ohne Frühstück weiter auf dem Jakobsweg, den letzten 100km entgegen. Die Nacht über hatte es geregnet und der Himmel trug an diesem Morgen dunkle Wolken. Doch es war nicht kalt, sondern unangenehm schwül und feucht. Eine Weile gingen wir mit J. und J. gemeinsam die Landstraße entlang, trennten uns dann, denn sie entschieden sich für die etwas längere Alternativroute. In Sarria angekommen setzten wir uns in die erstbeste Bar am Jakobsweg und entschieden uns für ein Frühstück. Dabei hielten wir die Augen auf, um J. und J. nicht zu verpassen, denn wir hatten uns quasi für ein Interview verabredet. Nach einer halben Stunde tauchten beide auf und leisteten uns am Tisch Gesellschaft. Die Herbergen waren fast komplett ausgebucht, doch wir fanden noch zwei Betten. J. und J. wollten weiter gehen und wir begleiteten sie bis auf eine Anhöhe der Stadt, um sie zu interviewen und zu verabschieden. Abends in der Herberge lernten wir ein italienisches Pärchen kennen, welches uns herzlich zum Abendessen einlud, weil sie zu viel gekocht hatten.
Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch und unterhielten uns während dem Essen auf Englisch sehr ausführlich über Alltägliches während des Pilgerns, unsere Studie, Bewegründe auf eine Pilgerreise zu gehen, italienische und deutsche Küche, Politik und unser Privatleben. Es war ein sehr schöner Abend mit D. und A. und es sollte nicht der letzte bleiben.

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Portomarín

Von Sarria aus verläuft der Jakobsweg vorbei an Friedhof, Kloster und Bergruinen. Die heutige Wegetappe verlief auf Waldwegen, Feldern und durch unzählige kleine Bauerndörfer. In einem der Dörfer befand sich der berühmte Kilometerstein 100, der für viele Pilger die magische Grenze für die Pilgerurkunde bedeutet. Man spürte wirklich, wie der Jakobsweg immer voller wurde und es schon zu einer Art Volkswanderung ausartet. Natürlich sind auf dem Jakobsweg Leute dabei, die nur die letzten 100 km laufen. Diese sind auch in der Masse der Pilger durch bestimmte Merkmale sehr schnell ausfindig zu machen (sehr kleiner bis fast gar kein Rucksack, Alltagskleidung, …). Es liegt zum größten Teil auch am heiligen Jahr. Die große Rushhour setzte ein. Unglaublich wie viele neue Gesichter man erblickte…
Das frühe Aufstehen fällt uns nicht mehr ganz so schwer wie am Anfang. An diesem Morgen war es ziemlich kalt und ich fror ein wenig. Ich freute mich schon auf die ersten Sonnenstrahlen, die mich wieder aufwärmen sollten. Es lohnt sich wirklich so früh aufzustehen, denn dann bekommt man einen tollen Sonnenaufgang mit. Der Körper hat sich an die täglichen Strapazen gewöhnt und die Schmerzen sind kaum noch zu spüren, es tritt langsam eine Routine im körperlichen aber auch im alltäglichen Ablauf ein. Die körperliche Anstrengung tritt somit in den Hintergrund. Unsere nächste Übernachtungsstation hieß Portomarín, das neue Portomarín um genau zu sein. In den 60er Jahren versank das alte Portomarin als der Fluss Miño hier zu einem See gestaut wurde. Die romanische Wehrkirche San Nicolás wurde Stein für Stein unten abgetragen und oben wieder aufgebaut. Auf der Brücke von Portomarín überquerten wir den Stausee und standen vor vielen Treppenstufen, die in den Ort hinein führen. Wir überlegten, ob wir nicht noch eine Station weiter laufen sollten, denn wir waren relativ früh dran und hatten noch Energie weiterzulaufen. Doch angesichts des überfüllten Jakobswegs und der damit einhergehenden Hetzjagd auf ein Bett, beschlossen wir doch in Portomarín zu übernachten. Da die öffentliche Herberge erst um 13 Uhr ihre Pforten öffnet, mussten wir- wie so viele andere- in der Pilgerschlange warten. Die Herberge war zwar modern eingerichtet, jedoch war sie sehr schnell überfüllt. Ganz schnell waren Dusch- und Waschräume belegt. Leider kannten wir hier keine Pilger und in Kontakt zu kommen war leider sehr schwierig.

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Auf nach Palas de Rei

Wir waren wirklich die letzten, die die Herberge an diesem Morgen verlassen haben. Wir versuchten bewusst uns nicht von der Panik der anderen Pilger anstecken zu lassen. Da Dave und ich immer ein zügiges Tempo drauf haben, überholten wir schon am Anfang viele Pilger. Das war natürlich unser Bonus gegenüber älteren Personen. Unglaublich wie viele Familien mit ihren Kindern auf dem Jakobsweg unterwegs sind, besonders auf den letzten 100 km. Unterwegs überholten wir das italienische Pärchen. Sie haben sich riesig über das Wiedersehen gefreut und gaben bekannt, dass sie sich 2 Betten in einer privaten Herberge reserviert haben und somit ganz in Ruhe und ohne Hektik wandern konnten. Wir verabredeten uns mit ihnen zum Abendessen. Daraufhin sind wir weiter gezogen, in der Hoffnung, dass jemand noch ein Bett übrig hat. In Palas de Rei angekommen, fanden wir sowohl eine private als auch die öffentliche Herberge überfüllt vor. Bei der letzten privaten Herberge hatten wir dann Glück. Diese war zwar restlos ausgebucht, doch wer seine Reservierung nicht bis 14 Uhr bestätigt, der geht dann leer aus. Das Warten hatte sich also gelohnt und wir bekamen Betten zugewiesen. Noch nie hatten wir so um einen Schlafplatz bangen müssen wie heute. Ein wenig später traf dann das italienische Pärchen ein und wir reservierten gemeinsam für den nächsten Tag unsere Betten in Arzua. Den anstrengenden Tag ließen wir alle bei einem Abendessen ausklingen.
Beobachtung:
Je näher man an Santiago kommt, desto höher sind auch die Preise in den Herbergen und Bars. Das Pilgeraufkommen Richtung Santiago nimmt nun immer mehr zu. Auch grüßen die Pilger hier nicht mehr so freundlich wie am Anfang der Strecke, was sicher an den vielen Reisegruppen und Tagespilgern liegt. Die Herbergssuche gestaltet sich somit etwas schwierig.

Einzug nach Santiago de Compostela

Die letzte Etappe. Nach einem sehr schönen Abend mit einem italienischen Pärchen in der öffentlichen Herberge von Arzua und einem vorzüglichen, gemeinsam zubereitetem Pilgermahl, ging es am nächsten Morgen zum vorerst letzten Mal auf den Jakobsweg. Das Ziel heute: Santiago de Compostela. Man kann es kaum glauben, aber heute endet die Reise für uns, wie für viele andere Pilger auch. Es ist heute sehr bewölkt, und der Nebel hängt tief. Viele Pilger sind schon unterwegs und immer wieder hört man, dass man seine Unterkunft am besten schon vor einiger Zeit hätte reservieren sollen. Unsere Pension haben wir deshalb vorsichtshalber auch schon von Deutschland aus gebucht. Wir sind aber 2 Tage zu früh dran und müssen uns für diese Nacht wohl etwas einfallen lassen, bzw. uns auf die Suche nach einem Zimmer für die Nacht begeben. Aber erst einmal heißt es nach Santiago laufen. Nach einer Weile wird aus dem Nebel dann doch Niederschlag. Der erste Regen auf unserem Weg! Da er nicht sehr stark ist, sondern eher herab nieselt, verzichten wir auf unsere Regenbekleidung, die wir seit geraumer Zeit mit uns herumschleppen. Die Strecke war trotz des Wetters in Ordnung. Es ging über Schotterpisten auf und ab, vorbei am Flughafen über den Monte de Gozo hinab nach Santiago de Compostela. Der vorab viel gelobte Ausblick blieb aus, denn der Nebel versperrte uns die Sicht. Die letzten Kilometer nach Santiago hätten wir uns auch ein wenig “romantischer” vorgestellt, aber Santiago ist nun mal eine Stadt und so ging es vorbei an einem Gewerbegebiet den gelben Pfeilen folgend in Richtung Kathedrale, neben welcher das Pilgerbüro liegt. In Santiago de Compostela soll sich angeblichen das Grab des Apostels Jakobus befinden. Die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg hat in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erfahren. Angekommen im Stadtzentrum sind wir erst mal wie gelähmt und fragen uns: “Was ist denn hier los?” Massen von Touristen drängen sich durch die engen, wunderschönen Gassen Santiagos und wir spüren der Weg ist vorbei. Das Heilige Jahr lockt überdurchschnittlich viele Besucher nach Santiago und so stellen wir uns erst mal in die erstbeste Schlange, um zu schauen wo sie hinführt. Sie ist mehrere hundert Meter lang und die Menschen stehen an, um die Statue des Jakobus zu umarmen und sein Grab zu besuchen. Man steht hier ca. eine Stunde an, manchmal aber auch länger. Wir suchen das Pilgerbüro und finden es in der Nähe des Pferdebrunnens.  Aus Erzählungen wussten wir, dass es hier schon mal zu sehr langen Wartezeiten kommen kann. Wir hatten Glück und innerhalb von 2 Minuten hatten wir unsere Compostela. Es ging ziemlich schnell, wir hatten kaum Zeit gehabt uns mit dem Gedanken anzufreunden gleich die Urkunde in der Hand zu halten. Die Urkunde Compostela wird in Frankreich uns Spanien zunehmend in Bewerbungsunterlagen verwendet. Damit soll gezeigt werden, dass man über eine Fachkompetenz hinaus auch in sozialem und spirituellem Verhalten eingeübt ist.

Auf den letzten 100 km fanden wir viele Plakate in verschiedenen Sprachen vor mit der Aufschrift: Die besonderen Gnaden des Heiligen Jahres: Vollkommener Ablass, der unter folgenden Bedingungen erlangt werden kann: a) Durch Besuch der Kathedrale mit dem Beten eines Vaterunsers und des Glaubensbekenntnisses für die Absichten des heiligen Vaters. b) Durch Empfang der Sakramente (im Zeitraum von 15 Tagen vorher oder nachher) der Beichte und der Hl. Kommunion.

Nachdem wir die Touristeninformation aufgesucht hatten und eine Stadtkarte mit eingezeichneten Pensionen in unseren Händen hielten, klingelten wir bei einer Pension und bekamen ein Zimmer. Es ist also doch nicht so schwer in Santiago ein Zimmer zu bekommen. Die Preise unterscheiden sich jedoch sehr vom Rest des Weges und wir merken schnell, dass Santiago teuer ist. Anschließend schlendern wir ein wenig durch die Altstadt und treffen J. Die Wiedersehensfreude war groß und wir entschieden uns dazu gemeinsam auf dem Kathedralenvorplatz zu picknicken. Er erzählte uns, dass er hier in Santiago schon viele sehr interessante Menschen getroffen hat und noch ein paar Tage bleiben möchtet, bevor er nach Finisterre weitergeht. Dann stoßen drei nette Jungs, die J. hier schon kennengelernt hat und eine italienische Pilgerin zu uns und wir teilen was wir haben, um anschließend noch ein wenig durch Santiago zu schlendern, denn jeden Abend verwandeln Musiker und andere Künstler die Straßen Santiagos in Bühnen. Nach einiger Zeit verabschieden wir uns von J. und den Anderen, denn am nächsten Morgen soll es mit dem Bus nach Finesterre gehen, um Markus, S. und M. zu treffen.

Finisterre

Nach einer dreistündigen, sehr lustigen Busfahrt wanderten wir zum Kap Finisterre. Im Bus trafen wir noch ein paar Pilger wieder, mit denen wir irgendwo schon einmal gesprochen hatten. Am Abend wollten wir uns mit Markus und den Jungs treffen, die
erst im Laufe des Tages Finisterre erreichten. Am Kap angekommen erblickte man viele Autos, denn nicht nur Pilger zieht es hier hin, ganze Busladungen an Touristen werden ab- und wieder eingeladen. Dem Ausblick tut dies aber nichts ab und wir suchten uns ein kleines, ruhiges Plätzchen, um zu picknicken. Nachdem wir uns gestärkt hatten, ging es auf der anderen Seite des Kaps wieder hinab an einen sehr schönen Strand, der nicht von Touristen überlaufen ist. Zwischenzeitlich sind Markus und die Jungs angekommen und wir verabredeten uns per SMS für später. Auf der Suche nach einer Pension liefen uns zwei bekannte Gesichter über den Weg. Die zwei jungen deutschen Frauen aus Villar de Mazarife bzw. Fonfria. Sie zeigten uns ihre Pension und wir beschlossen uns hier auch ein Zimmer zu nehmen. Danach verabredeten wir uns für später, denn wir wollten ihnen Markus, S. und M. vorstellen. Am Hafen trafen wir nun endlich, nach über zwei Wochen, auf Markus. Wir umarmten uns und jeder erzählte vom Erlebten. Einige Zeit später saßen wir alle gemeinsam in einer Pizzeria und verabredeten uns für den Abend, denn wir wollten an den Strand, um ein Feuer zu machen und die Pilgerschaft ausklingen zu lassen.

Man nächsten Morgen ging es auf den Markt, anschließend in ein kleines Restaurant und dann wieder mit dem Bus zurück nach Santiago. Dort angekommen geht’s am späten Nachmittag zur bereits gebuchten Pension. In der Stadt essen wir noch eine Kleinigkeit, um anschließend müde und erschöpft ins Bett zu fallen.

Wieder zurück in Santiago

Am nächsten Tag trafen wir Julia und ihren Vater, die heute in Santiago gelandet sind und uns erst einmal auf ein richtig deftiges Abendessen mit allem drum und dran einluden. Wir tauschten uns aus und erzählten von unserer Pilgerreise. Zur Abwechslung tut es mal ganz gut selbst zu erzählen, denn auf dem Weg waren wir es ja immer, die wissen wollten, wie es den Pilgern so ergeht. Im Anschluss liefen wir noch eine Weile durch Santiago und wir zeigten den beiden Neuankömmlingen den legendären Pilgerschatten.

Am darauf folgenden Tag wanderten wir alle gemeinsam bei strahlendem Sonnenschein eine Etappe in Richtung Finesterre, um danach wieder mit dem Bus nach Santiago de Compostela zurückzufahren. Wir ließen den Tag dann mit Brot, Chillis, Käse, Wein und Omelett ausklingen, um uns für den nächsten Tag zu stärken, denn wir wollten noch einige Fragebögen verteilen. Am nächsten Morgen standen wir pünktlich um halb neun vor dem Pilgerbüro. Dort sah man schon eine längere Pilgerschlange, die darauf wartete ihre Urkunde zu bekommen. Leider fing es an zu regnen, was sich stimmungsmäßig auch auf die im Regen wartenden Pilger zu übertragen schien. Mehr oder weniger erfolgreich überlegten wir, wie wir weiter vorgehen könnten und entschieden uns dazu es in einer bekannten Fastfood-Kette zu versuchen. Und siehe da, Julia fand sehr viele Pilger unterschiedlicher Herkunft, die dazu bereit waren Fragebögen auszufüllen.
Am folgenden Tag wurde man wieder durch Sonnenschein geweckt und wir statteten dem deutschsprachigen Pilgertreffen einen Besuch ab. Heute kamen einige deutschsprachige Pilger zusammen und man ging gemeinsam in einen dafür zur Verfügung stehenden Raum, um sich auszutauschen, vom Erlebten zu berichten und auch um Beschwerden weiter zu geben. Zusätzlich wurde am Abend eine kostenlose Kathedralenführung angeboten. Auch S. und M. aus Deutschland und J.L. aus Belgien nehmen an der Führung teil . Danach ließen wir alle den Abend gemeinsam am Kathedralenvorplatz ausklingen, bevor wir alle nach Hause flogen und wieder in den Alltag eintauchten. Für Markus ging es wieder- war nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus- in Richtung Heimat. Ihm wurde geraten besser nicht mit der noch nicht ganz verheilten Verletzung des Ohres zu fliegen. Hier endete unsere aufregende Pilgerschaft. Am 26. August ging dann unser Flug  mit gemischten Gefühlen und sehr vielen Erfahrungen zurück nach Deutschland.

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Eine Antwort auf Die letzten Meter

  1. Michel sagt:

    ja, habt ihr’s gepackt, herzl. Glückwunsch dazu! War sehr unterhaltsam und informativ, eure Berichte, Eindrücke (positive wie negative) und Bilder während eurem gesamten Weg mitverfolgen zu können in diesem blog hier. Viel Spasss dann bei der Auswertung eurer Fragebögen, vielleicht gibts ja irgendwann mal einen Diaabend/Vortrag an der Uni oder anderswo, wäre sicherlich sehr interressant….beste Grüsse, Michael Grün, Uni Trier

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