Projekt

Kontext und Fragestellung

Spiritueller Tourismus, gelegentlich auch als religiöser Tourismus bezeichnet, hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen[1]: Neben der modernen (massen-)touristischen Infrastruktur scheint ein Grund für das wachsende Interesse an Religion auf Reisen in seiner schwindenden Bedeutung im Alltag zu liegen.[2] Allein 2006 wurden über 300 Millionen Reisen unternommen, in denen der Glaube das zentrale Reisemotiv darstellte.[3] Insbesondere die Pilgerreise, als eine der ältesten Formen religiöser Reisen, erlebt einen neuen Boom – gerade auch in ‚säkularisierten’ Gesellschaften wie Deutschland, Frankreich oder Spanien.[4]

Neben dem kollektiven Wallfahren, das lange Zeit die dominante Form des religiösen Tourismus ausmachte[5], sind in den vergangenen Jahren in spürbarem Maße solche Pilger hinzugetreten, die sich unabhängig von kirchlichen Organisationen und konkreten Glaubensüberzeugungen „auf den Weg machen“. Während Geschichte und Brauchtum kirchlicher Wallfahrten recht gut dokumentiert ist[6], liegen zum neu erwachten, eher privat organisierten christlichen Pilgerboom bislang kaum systematische Daten vor, die Rückschlüsse auf Bildung von sozialen Netzwerken, Vergemeinschaftungspraktiken und -formen, Religiosität, Motivstruktur, aber auch auf die (nachhaltigen) spirituellen Erfahrungen der Pilgernden zuließen.

Im Gegensatz zur in der neueren Religionssoziologie häufig anzutreffenden These vom Pilger als Einzelgänger, der in Gestalt des individualisierten Sinnsuchers konzeptionalisiert wird[7], zeigen erste empirische Fallstudien, dass neben der Außeralltäglichkeit des „Urlaubens“ und der körperlichen Grenzerfahrung des Langstreckenwanderns, es vor allem die „authentischen“ Begegnungen und sozialen Kontakte mit anderen Pilgern sind, die in den zeitgenössischen Pilgerreisen eine besondere Rolle spielen und nicht selten als spirituelle Erfahrung gedeutet werden[8]. Die Erfahrung der Einheit in der Differenz – „jeder auf dem Weg hat seine Geschichte, das hat etwas Einendes“ – knüpfe ein unsichtbares Band zwischen den Pilgern, so die dabei zugrundeliegende Annahme. Die konkrete Vernetzung bzw. Netzwerkbildung während des Pilgerns und ihre (Be-)Deutung für das spirituelle Erleben bzw. die spirituelle Vergemeinschaftung der Pilger ist eine zentrale Frage der Studie.

Forschungsdesign und Methoden

Das ForscherInnenteam wird im Rahmen einer 4-wöchigen Feldphase im Juli und August 2010 von Burgos bis nach Santiago de Compostela pilgern. Hierbei werden sie verteilt auf unterschiedliche Wegetappen am Pilgerleben partizipieren und mit einem Beobachtungsleitfaden bestimmte Situationen und Phänomene visuell wie schriftlich erfassen und beschreiben, wie beispielsweise Zusammenkunft und Gemeinschaftsaktivitäten in Herbergen/Pilgerbüros/Transportmitteln/Rastplätzen, Akzeptanz und Nutzung von touristischen wie religiösen Angeboten vor Ort (Gottesdienste, Souvenirs, Pilgerzertifikate usw.), Selbstdarstellung und Abgrenzung unterschiedlicher Pilgergruppen (Symbole, Selbstdeutung, Performance).

Zweitens werden in drei zentral gelegenen Herbergen entlang des spanischen Teilstücks des Jakobswegs und in Santiago de Compostela selbst insgesamt über 2000 Fragebögen in fünf Sprachen verteilt. Das Informationsinteresse liegt hierbei auf soziodemographischen Daten, Motivstruktur, Interkulturalität und Religiosität der Pilger.

Drittens werden/wurden knapp 20 Tagebücher auf freiwilliger Basis verteilt, in denen Pilger (aus der Trierer Jakobusgesellschaft), die sich bereits im Juni, zum Teil im Juli 2010 für mehrere Woche auf den Jakobsweg gemacht haben, ihre (Selbst-)Erfahrungen und Gefühle im Hinblick auf körperliches, spirituelles und interkulturelles/intersubjektives Erleben dokumentieren.

Viertens wurde ein Onlinefragebogen zu dem Thema soziale Netzwerke und Stabilität von sozialen Beziehungen programmiert, der sich an Personen richtet, die bereits in der Vergangenheit gepilgert sind. Er soll deutlich machen, inwiefern die Pilger Beziehungen zu anderen Pilgern während der Reise aufgebaut und auch nach der Reise stabilisiert haben.

Fünftens werden Leitfadeninterviews über die Themen Identität, Vergemeinschaftung, spirituelle Erfahrungen (Transzendenzerfahrungen) der Pilger vor Ort durchgeführt.

Hinzu kommen Experteninterviews mit Herbergseltern, Mitgliedern von Jakobusgemeinschaften und Reisebüros.

Literatur (Auswahl):

Ebertz, Michael, 2000: Transzendenz im Augenblick. In: Gebhardt, W./Hitzler, R./Pfadenhauer, M. (Hg.): Events. Opladen: Leske + Budrich, S. 345-362.

Gabriel, Karl (Hg.), 1996: Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung. Biographie und Gruppe als Bezugspunkte moderner Religiosität. Gütersloh.

Gebhardt, Winfried, 2006: Kein Pilger mehr, noch kein Flaneur. Der „Wanderer“ als Prototyp spätmodernerer Religiosität, S. 228-265 in: Ders./Hitzler, Ronald (Hg.): Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart. Wiesbaden: VS Verlag.

Hervieu-Léger, Danièle, 2004: Pilger und Konvertiten. Religion in Bewegung. Würzburg.

Hitzler, Ronald, 1999: Individualisierung des Glaubens, Zur religiösen Dimension der Bastelexistenz, S. 351-368 in: Honer, Anne et al (Hg.): Diesseitsreligion. Zur Deutung und Bedeutung moderner Kultur. Konstanz: UVK.

Honer, Anne et al (Hg.), 1999: Diesseitsreligion. Zur Deutung und Bedeutung moderner Kultur. Konstanz: UVK.

Ivakhiv, Adrian J., 2003: Nature and Self in New Age Pilgrimage. In: Culture and Religion: An interdisciplinary Journal, Heft 4: 93-118.

Knoblauch, Hubert/Graff, Andreas 2009: Populäre Spiritualität oder: Wo ist Hape Kerkeling, S. 725-746. In: Bertelsmann Stiftung (Hg.): Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Kühne, Hartmut/Dolezal, Daniel (Hg.) 2006: Wallfahrten in der europäischen Kultur. Frankfurt a.M.: Peter Lang

Tala, Madalina Lavinia/Padurean, Ana Mihalea, 2008: Dimensions of religious tourism. In: Amfiteatru Economic, 2: 242-253.

Reader, Ian, 2007: Pilgrimage growth in the modern world: Meanings and implications. In: Religion, 37: 210-229.

Reuter, Julia et al., 2007: Megaparty Glaubensfest. Weltjugendtag: Erlebnis – Medien – Organisation. Wiesbaden: VS Verlag.

Rineschede, Gisbert, 1992: Forms of religious tourism. In: Annals of Tourism Research, Vol. 19: 51-69.

Roloff, Eckart Klaus, 2008: Pilgern in neuer Auflage. Notizen zu einem Phänomen zwischen Tradition und Moderne. In: Communicato Socialis. Internationale Zeitschrift für Kommunikation in Religion, Kirche und Gesellschaft, 41: 192-198.

Slavin, Sean, 2003: Walking as Spiritual Practice: The Pilgrimage to Santiago de Compostela. In: Body & Society, Vol. 9(3): 1-18.

Specht, Judith, 2009: Fernwandern und Pilgern in Europa. Über die Renaissance der Reise zu Fuß. München: Profil Verlag.

Stausberg, Michael, 2010: Religion im modernen Tourismus. Berlin: Verlag der Weltreligionen.

Ueberschär, Ellen (Hg.) 2005: Pilgerschritte. Neue Spiritualität auf uralten Wegen. Loccumer Protokolle Heft 2. Evangelische Akademie Loccum.


[1] vgl. Reader 2007

[2] vgl. Stausberg 2010

[3] vgl. World Religious Travel Association

[4] vgl. exempl. Ebertz 2007, 2008

[5] vgl. Rinschede 1992: 59

[6] vgl. Kühne/Dolezal 2006

[7] vgl. exempl. Gabriel 1996

[8] vgl. Specht 2009; Slavin 2003; Ivakhiv 2003

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